Film "Hierankl"
Drei Fragen stehen am Beginn des Films, als sich Lene Thurner auf einem Bahnsteig am Bahnhof München zwischen zwei Zügen entscheiden muß, wohin sich ihr Leben entwickelt:
"Hast Du Sex, hast Du Familie, bist Du in Bewegung?
Dreimal ja ist das Paradies, zweimal ja brauchst Du
für Dein Glück und einmal ja zum Überleben."
Die dritte Antwort, die sie sich gibt, führt intuitiv zur Entscheidung für Familie und Bewegung, ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder Paul, dem ihr Vater später im Film noch sagen wird: "...alles verändert sich, alles bewegt sich, nur du nicht".
Und so zieht der Film den Zuschauer gleich zu Beginn in einen faszinierenden Sog, der ihn bis zum Ende nicht mehr losläßt.
Anläßlich des 60. Geburtstages ihres Vaters Lukas entschließt sich Lene somit spontan zu einem Besuch der Familie auf deren einsam gelegenen Hof 'Hierankl' im Salzburger Land, nachdem sie ihre Familie infolge eines Zerwürfnisses mit ihrer Mutter Rosemarie seit ihrem 17. Lebensjahr nicht mehr gesehen hat. Unbewußt begibt sie sich auf die Suche nach einem Geheimnis in ihrer Vergangenheit. Gleich bei der Ankunft auf dem in idyllischer Landschaft gelegenen Hof verdeutlicht die kühl-abweisende Reaktion der Mutter dem Zuschauer das angespannte Mutter-Tochter-Verhältnis. Beide Elternteile von Lene sehen sich unfähig, sich aus ihren gescheiterten Existenzen und Beziehungen zu lösen und lassen sich lediglich auf ein Ausleben ihrer Bedürfnisse in parallelen Beziehungen ein. Symbolhaft für die zerbrochene Familie wird ein kleiner Holzengel, den Lenes Mutter einst zu Boden geworfen hatte und dabei ein Flügel abbrach. Lene wird schmerzhaft lernen, dass die Symbolik dieses Flügels anders zu deuten ist, als sie es in ihrer Jugend vermutet hatte. Immer mehr öffnen sich im Verlauf familiäre Abgründe und Beziehungsgeflechte, die schließlich in einem Ende dramatisch kulminieren, welches alle sprachlos vor einem (familiären) Scherbenhaufen zurück lässt.
"Hierankl" ist Hans Steinbichlers erster Spielfilm, gleichzeitig seine Abschlußarbeit an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Er bettet dieses zeitlose Familiendrama in die einerseits liebliche, andererseits düster-dramatische Landschaft seiner eigenen Heimat, dem Chiemgau. Filmisch spielt die Geschichte jedoch auf einem Bauernhof im Salzbuger Land. Es gelingt dem Regisseur in eindrucksvoller Manier, Stimmungen wie 'Heimkommen', 'Heimat', 'Familie', 'Jugend' und 'Erinnerungen' einzufangen. Hierbei achtet er immer wieder auf liebevoll im Bild festgehaltene Details, einzelne Szenen wirken regelrecht durchkomponiert.
Obwohl thematisch völlig verschieden, möchte ich den Film in seiner schonungslosen und zerstörerischen Emotionalität beinahe mit Darren Aronofskys "Requiem For A Dream" vergleichen. Ein Glücksfall für den deutschen Film.
Verstärkt wird die emotionale Kraft des Films durch die beeindruckende Kameraführung von Bella Halben.
In Hierankl zeigt uns Johanna Wokalek eine ungeheuer sensible, emotionale und aufwühlende Darstellung einer jungen Frau auf der Suche nach ihren eigenen Wurzeln, auf der Suche nach Familie, Heimat und Identität.
Josef Bierbichler ist die Rolle des bodenständigen, trotzdem eloquenten und gebildeten Patriarchen, teilweise verhaftet in seiner 68er Jugend, wie auf den Leib geschrieben.
Barbara Sukowa verkörpert überzeugend gefühlskalt die Verbitterung und Enttäuschung der Mutter.
Peter Simonischek spielt Götz, den geheimnisvollen Jugendfreund von Lenes Eltern, bis zuletzt ahnungslos über die familiären Verstrickungen.
Frank Giering bringt als Paul den Zynismus, in den sich der enttäuschte Sohn flüchtet, überzeugend zum Ausdruck.
Auszeichnungen
Förderpreis Deutscher Film 2003 (Filmfest München)
Hans Steinbichler (Beste Regie)
Johanna Wokalek (Beste Darstellerin)
MFG-Star 2003 (Baden Baden TV-Film-Festival
Hans Steinbichler
Bayerischer Filmpreis 2004
Johanna Wokalek (Beste Darstellerin)
Nachwuchspreis der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg
Adolf-Grimme-Preis 2006 mit Gold an:
Hans Steinbichler (Buch/Regie)
Bella Halben (Kamera)
Johanna Wokalek (Darstellung)
Barbara Sukowa (Darstellung)
Josef Bierbichler (Darstellung)
Peter Simonischek (Darstellung)
Nominierungen:
Deutscher Kamerapreis 2004
Bella Halben (Spielfilm)
Deutscher Filmpreis 2004
Johanna Wokalek (Schauspielerin)
Josef Bierbichler (Schauspieler)
|
Regisseur: Hans Steinbichler
Produzent: Alena und Herbert Rimbach
Drehbuch: Hans Steinbichler
Kamera: Bella Halben
Musik: Antek Lazarkiewicz
Uraufführung: 6. November 2003 (München)
Darsteller:
Lene : Johanna Wokalek
Lukas: Josef Bierbichler
Paul: Frank Giering
Rosemarie: Barbara Sukowa
Götz: Peter Simonischek
Vinzenz: Alexander Beyer
|